Roman schreiben mit KI: Was ein Sparringpartner darf und wo Schluss ist

Yvo Wüest arbeitet an einem Familienroman über 74 Jahre kubanische Geschichte. Er hat gezeigt, welche Werkzeuge ihn wirklich weitergebracht haben und an welcher Stelle er der KI konsequent widerspricht.

Roman schreiben mit KI: Was ein Sparringpartner darf und wo Schluss ist
Prompting Lab: „Einen Roman mit KI als Sparringpartner schreiben“

Yvo Wüest arbeitet an einem Familienroman über 74 Jahre kubanische Geschichte. Er hat gezeigt, welche Werkzeuge ihn wirklich weitergebracht haben und an welcher Stelle er der KI konsequent widerspricht.

Sechs Jahre Kuba, ein Stapel Notizhefte, Fotos und Tagebuchzettel und der jahrzehntealte Vorsatz, daraus irgendwann einen Roman zu machen. Yvo Wüest hat von 1992 bis 1998 in einem Bildungsprojekt in Havanna gearbeitet. Heute schreibt er an einem Familienroman über 74 Jahre kubanische Geschichte, von 1952 bis in die Gegenwart, erzählt aus der Perspektive von vier Frauen einer Familie: Urgroßmutter, Großmutter, Mutter und Tochter. Im Zentrum steht die 31-jährige Tochter, eine Musikproduzentin, die in die Vergangenheit zurückblickt.

Eingestiegen ist er mit den drei Vorwürfen, die er aus seinem Umfeld kennt: KI-Prosa klinge gefällig und austauschbar, KI halluziniere genau die Details, die einen historischen Roman ruinieren, und wer ist am Ende überhaupt noch der Autor? Drei Fragen, auf die er mit Hilfe seiner Werkstatt eine Antwort gibt.

Erst Ordnung, dann Text

Werkzeug eins ist entscheidend: eine digitale Pinnwand in Padlet. Was vorher überall verstreut lag, ist so nach und nach in rund 40 Spalten gewandert. Jede Szene eine Karte, jede Figur eine Spalte, jedes Jahrzehnt ein klarer Ort. Daraus sind 14 Kapitel geworden, dazu 14 Lieder als Tonalität für jedes Kapitel, eine Zeittafel, ein Figurenverzeichnis und ein Glossar kubanischer Redewendungen, an dem er seit 30 Jahren sammelt. Ob ein Lied historisch überhaupt passt, hat er über Perplexity geprüft, immer mit der Frage: Kann jemand dieses Stück in diesem Jahr in Havanna gehört haben?

Der Graph, der Motive verrät

Werkzeug zwei ist Obsidian. Yvo hat Kapitelentwürfe und die Pinnwand als PDF hochgeladen und sich daraus einen Graphen bauen lassen, ein Netz aus Begriffen und Verbindungen. Der Effekt war der eigentliche Gewinn: Er hat Motive entdeckt, die bei ihm ständig wiederkehren, ohne dass ihm das bewusst war. Ein Motiv, das schon in Kapitel 2 auftaucht, zündet später nicht mehr. Also an der einen Stelle streichen, damit es an der anderen Gewicht bekommt. Erkenntnisse, die er aus dem bloßen Lesen der Manuskriptseiten nie gezogen hätte.

Die KI als Widerspruchsmaschine

Die Prosa schreibt er selbst. Was er sich von der KI holt, ist Widerspruch: einzelne Abschnitte hochladen, eine Rolle definieren (du bist Fachperson für karibische Literatur), Lektoratsbericht anfordern. Nie das ganze Manuskript, immer nur Bausteine.

Am schönsten ist das an einem einzigen Satz aufgegangen. Die KI kritisierte den Schachtelbau und schlug vor: „Über Centro Habana lag das graue, saubere Licht jener Stunde, die der Nacht nicht mehr gehörte und dem Tag noch nicht.“ Yvo findet den Satz irritierend, hat lange dagegen argumentiert und ist nicht weitergekommen. Im Manuskript steht jetzt seine eigene Fassung: „…lag über Centro Habana das graue, saubere Licht der Stunde, die nicht mehr der Nacht und noch nicht ganz dem Tag gehörte.“ Klingt ähnlich, ist es aber nicht. Beim literarischen Feinschliff, so sein Fazit, hat ihn die KI oft mehr Zeit gekostet, als eingespart.

Richtig geholfen hat sie beim Recherchieren und beim Aufmachen von Spuren. Als er die Balsero-Krise anging, kamen Hinweise zurück, die er nicht mehr auf dem Schirm hatte: dass in jedem dritten oder vierten Hinterhof in Havanna aus Abfallmaterial Flöße gebaut wurden. Die Szene trägt im Roman inzwischen ein ganzes Kapitel. Die Wendung dazu, hat er dann wieder selbst gefunden.

Yvos Warnung: Die KI hat eine starke Tendenz zu glätten und zu vereinheitlichen. Deswegen nur kleine Textelemente, nur kurze Absätze bearbeiten, und sich am Schluss stets der eigenen Verantwortung bewusst sein. Sein Satz zum Mitnehmen:

"Mein Sparringpartner hat null Stimmrecht." 

Die menschliche Resonanzkammer

Der wichtigste Punkt seiner Werkstatt hat mit KI nichts zu tun. Yvo nennt ihn die Resonanzkammer: befreundete Menschen aus Kuba, Leute aus dem Netzwerk, die sein Manuskript auseinandernehmen. Die sagen: So würde eine Frau das nie formulieren. Oder die einfach an den Rand der ausgedruckten Rohfassung ihre Gedanken schreiben. Bei einem früheren Fachbuch haben zwischen 80 und 100 Menschen mitgelesen, mit teils gegensätzlichen Urteilen.

Am Ende bleibt die Frage aus der Runde: Hätte es diesen Roman auch ohne KI gegeben? Ja, sagt Yvo, aber vermutlich erst in vielen Jahren.

Über das Prompting Lab:
Das Prompting Lab ist das wiederkehrende Online-Format von Safari für alle, die KI in der Praxis nutzen wollen, vom Einstieg bis zur Vertiefung. Ein geschützter Raum für Use Cases, Tipps und Austausch. Ergänzend gibt es die KI-Werkstatt in Mainz: ein Mix aus Hackathon und gemeinsamer Fallarbeit im Gutenberg Digital Hub.

Prompting Lab Themen im September:

  • Holodeck 3.0: KI als Denkraum statt als Antwortmaschine (04. September)
  • Enabler statt Bremse: Eine frische Perspektive auf KI-Governance (11. September)
  • Erst das Fundament, dann die KI (18. September)
  • Prompting mit Knowledge Graph: Wie Du hochgenaue, erklärbare KI-Antworten bekommst (25. September)
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Du möchtest genauer sehen, wie Yvo die KI für Recherche, Struktur und Lektorat einsetzt, ohne die Kontrolle über seinen Text abzugeben? Die Aufzeichnung zeigt seine komplette Werkstatt.

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