Vom Aktenberg zur digitalen Rechnungsprüfung
Vincent Weißhaupt hat gezeigt, wie er die Buchhaltung eines Bauunternehmens mit Power Automate, SharePoint und Claude vom Papierstapel befreit hat.
Vincent Weißhaupt hat gezeigt, wie er die Buchhaltung eines Bauunternehmens mit Power Automate, SharePoint und Claude vom Papierstapel befreit hat.
Der Aktenstapel wuchs und wuchs, es gab einen eigenen Raum nur für Akten, und mittendrin eine einzige Person in der Buchhaltung, die Überstunde um Überstunde schob. Rechnungen kamen längst digital herein, wurden dann aber wieder ausgedruckt. Während jeder Lieferant elektronisch fakturierte, lief im Betrieb selbst noch vieles wie im Steinzeitalter. Spannend ist, wer dieses Problem angepackt hat: kein Buchhalter und kein IT-Profi, sondern Vincent Weißhaupt, 25 Jahre alt, eigentlich Marketer, familienbedingt in einen Maurerbetrieb gerutscht. Seine These zum Einstieg: Genau seine gesunde Naivität war der Grund, warum er sich überhaupt herangetraut hat.
Der Papierstapel ist nur die Spitze des Eisbergs
E-Mail-Rechnungen, Briefrechnungen, Portale zum Herunterladen: lauter Eingangswege, und am Ende landete alles auf Papier. Vincents erster Punkt war, dass die sichtbare Arbeitszeit dabei das kleinste Problem ist. Darunter liegen die teuren, unsichtbaren Faktoren: ein verpasstes Skonto, die Bindung ans Büro, weil alle Rechnungen physisch dort liegen, und eine Belegschaft, deren Zufriedenheit leidet. Der Aktenberg ist nur die Spitze des Eisbergs.
Naivität als Asset
Vincent hatte vorher nie mit Power Automate gearbeitet und keinerlei Buchhaltungserfahrung. Sein bester Freund in dieser Zeit war nach eigener Aussage Claude. Seine Beobachtung: Reine Hard Skills zählen immer weniger, weil die KI das fachliche Wissen liefert. Was bleibt, ist die Frage nach dem Mindset, also dem Mut, ein Problem überhaupt anzupacken und gewohnte Prozesse zu hinterfragen. Wer keine Entscheidungsgewalt hat, soll Vorschläge liefern statt nur zu kritisieren.
Ein Prompt, der einfach funktionierte
Der erste Schritt war nicht, zehn neue Tools einzuführen, sondern den Status quo zu verstehen. Das Ziel: eine Single Source of Truth statt verstreuter Ablageorte und einer Excel-Liste, die in der Praxis niemand pflegen konnte. Sein größter Aha-Moment kam früh, als ein Prompt die wichtigsten Rechnungsdaten extrahieren und in eine Liste schreiben sollte. Das lief von Anfang an verblüffend zuverlässig. Die Lektion daraus: In kleinen Sprints denken und sich kleine Erfolge abholen, statt einen Masterplan zu bauen, der dann in der Schublade versauert.
Aus "Das Tool" wird "Unser Tool"
Statt Papier gibt es heute ein Tablet mit einem strukturierten Deckblatt, dem Laufzettel. Darauf stehen alle von der KI extrahierten Infos und ein Ampelsystem zum Ankreuzen, dazu die Unterschrift. Im Hintergrund greift ein Power-Automate-Flow die Rechnungs-Mails ab, legt sie in SharePoint ab, hängt das Deckblatt an und archiviert die Mail. Wird ein Status angekreuzt, erkennt der Flow das und lädt die Rechnung am Ende automatisch per DATEV beim Steuerberater hoch, wo das Deckblatt auch die OCR-Erkennung verbessert. Bewusst hat sich das Team gegen eine eigene App und für das simple SharePoint entschieden: Die Bauleiter klicken nur auf das Symbol mit ihrem Namen und sehen genau ihre Rechnungen. Wichtig war Vincent, nah am Gewohnten zu bleiben, damit niemand überrumpelt wird.
"Wichtig ist, dass ihr die Leute nicht auf der Strecke
lasst. (...) Aus „Das Tool" wird "Unser Tool". Es geht darum, dass die Menschen ein Zugehörigkeitsgefühl bekommen."
Ehrlich bleiben: Halbautomatisch mit Absicht
Zu den konkreten Zahlen war Vincent angenehm ehrlich. 35 Leute im Betrieb, davon eine einzige Person in der Buchhaltung. In der ersten Zeit gab es keine Zeitersparnis, eher Doppelarbeit im Sicherheitskorridor. Inzwischen ist die Kollegin aber spürbar entlastet, das Stresslevel ist gesunken, und es rutscht nichts mehr durch. Der Prozess bleibt bewusst halbautomatisch: Rechnungen werden weiter händisch geprüft, auch mit Blick auf Fake-Rechnungen. Sein Maßstab ist nicht maximale Automatisierung, sondern mit gutem Gefühl nach Hause gehen.
Digitalisierung ist keine reine IT-Aufgabe, sondern eine Haltung. Drei Fragen helfen beim Einstieg:
- Was machst du ständig gleich?
- Wo gehen Informationen verloren?
- Wo könntest du selbst irgendwann überflüssig werden?
Vieles ändert sich, eines bleibt: Was Menschen der KI voraushaben, ist Kreativität, und die steckt auch in vermeintlich trockenen Themen.
Über das Prompting Lab:
Das Prompting Lab ist das wiederkehrende Online-Format von Safari für alle, die KI in der Praxis nutzen wollen, vom Einstieg bis zur Vertiefung. Ein geschützter Raum für Use Cases, Tipps und Austausch. Ergänzend gibt es die KI-Werkstatt in Mainz: ein Mix aus Hackathon und gemeinsamer Fallarbeit im Gutenberg Digital Hub.
Weitere Prompting Lab Themen im Juli:
- Mit Claude Code durchstarten (03. Juli)
- Online-Marketing zusammen denken. Mit KI als Helfer. (10. Juli)
- Prompting für Informationssicherheit & GRC: GenAI, Rovo & Andere im Praxiseinsatz (17. Juli)
- KI in der Medizin: Warum Algorithmen allein das Gesundheitswesen nicht retten (24. Juli)
- Wie gut versteht die KI deine Website? (31. Juli)
Vincents Vorgehen im Detail und die wichtigsten Erkenntnisse, kannst du dir in der Aufzeichnung ansehen.
